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EINE GESCHICHTE DER KULTURFREUNDSCHAFT

Artikel aus http://www.donaukurier.de/lokales/ingolstadt/Ingolstadt-Kulturbotschafter-mit-Herz;art599,2649920:

Ingolstadt. Da war sogar Rudi Wagner sprachlos. Eine größere Überraschung hatte er wohl zuvor noch nicht erlebt. 1994, als er noch sein Büro im SPD-Haus an der Esplanade als Fraktionsgeschäftsführer hatte, klopften plötzlich Besucher an die Tür, mit denen er im Leben nicht mehr gerechnet hatte: Vor ihm stand, ohne jede Vorwarnung, eine Gruppe von Musikanten aus der Mongolei. „Da sind wir wieder!“

 

Rudi Wagner im Reich der „Königinnen“: So heißt die Übersetzung für die mongolische Frauengruppe Khatan, die der Ingolstädter neuerdings neben der bekannten Formation Khukh Mongol betreut. Wagner trägt einen der Orden, die er für seine Kulturarbeit von der Mongolei erhalten hat.

Nicht, dass die Überraschungsgäste dem SPD-Manager damals völlig fremd gewesen wären. Nur hätte er nicht erwartet, dass sie so spontan zu einem neuen Gastspiel von ihrer fernen Heimat nach Ingolstadt aufbrechen würden. Aber es spricht Bände, dass die Gruppe Khukh Mongol („Blaue Mongolei“) gleich an Rudi Wagner dachte, als sie einen unkonventionellen, ideenreichen und jederzeit hilfsbereiten Organisator für ihre Aktivitäten in Deutschland brauchte. Inzwischen haben die mongolischen Musiker längst Wurzeln geschlagen in Ingolstadt. Sie sind so etabliert, dass sie jetzt auch mit einer eigenen Frauengruppe namens Khatan („Königinnen“) gebucht werden können. Die Regie führt weiterhin ihr bewährter Manager Rudi Wagner, der in seiner Freizeit eine Art Kulturbotschafter der Republik Mongolei geworden ist.

Es wird nur wenige Ingolstädter geben, die in den vergangenen Jahren nicht schon irgendwann einmal auf Festen, Ausstellungen oder im Biergarten einen Auftritt von Khukh Mongol miterlebt haben. Der charakteristische Obertongesang prägt sich ebenso ein wie der Klang von Schwanenhalslaute und Pferdekopfgeige, aber auch der Anblick der traditionellen bunten Landestracht.

„Das sind keine Wald- und Wiesenmusiker“, stellt Wagner klar, „die haben am Konservatorium studiert.“ Für die Mongolen ist der Ingolstädter ihr „Papa“. Der väterliche Freund hat früher schon des öfteren seinen Geldbeutel aufmachen müssen, wenn es wieder knapp wurde bei den Musikanten.

Aber es ist weniger die finanzielle Unterstützung, die für Khukh Mongol in all den Jahren unentbehrlich war, als der Bekanntheitsgrad ihres Förderers. Egal welches Problem es gibt, Rudi Wagner fällt immer irgendetwas ein, wie man es lösen kann, er kennt immer jemand, der weiterhelfen kann.

Der 57-Jährige ist zwar ein alterfahrener Verwaltungsmann, aber das Gegenteil eines Bürokraten. Seine freie Interpretation des Geschäftsführerpostens bei einer Stadtratsfraktion hat bis heute keine Nachahmer gefunden. Von 1990 bis 2002 war er von der Stadtverwaltung an die Sozialdemokraten ausgeliehen. Seitdem ist Rudi Wagner der oberste Müllentsorger, Schneeräumer und Straßenreiniger bei der Stadt, offiziell: Bereichsleiter der Kommunalbetriebe.

Seine Orden und Ehrenzeichen stammen freilich nicht von der Stadt Ingolstadt, sondern von der Industrie- und Handelskammer, dem Verteidigungsministerium und dem Parlament der Mongolei. Schon vier Mal war „Mr. Rudolf Wagner“ mittlerweile in dem asiatischen Land zu Besuch, kennt Botschafter, Wirtschaftsattachés und Politiker in der Hauptstadt Ulan Bator.

Dabei fing alles ganz harmlos an. Vor 19 Jahren traf im Rahmen eines internationalen Kulturaustauschs eine Busladung mit Chinesen, Mexikanern und Bolivianern in Ingolstadt ein. Mit dem Zug kam eine Gruppe aus der Mongolei, begleitet von einem kommunistischen Aufpasser und einer Dolmetscherin, die nach kurzer Zeit nach Schweden weiterreisen sollten.

Dann sagten die Schweden ab. Für Bea Laregh von der Arbeiterwohlfahrt, die damals im gleichen Haus arbeitete wie die SPD, hieß es improvisieren. „Wir haben“, berichtet Wagner, „die Mongolen acht Wochen über Wasser gehalten, haben sie in zwei leeren Zivi-Wohnungen der AWO untergebracht und immer geschaut, dass sie Auftritte kriegen.“ Er selbst habe öfter mit dem Hut für die Musikanten in Biergärten gesammelt. So wurde er zum „Papa“ für die Gäste. Mit deren Abreise nach Spanien endete das Intermezzo der Mongolen in Ingolstadt. Dass es kein Intermezzo bleiben sollte, erfuhr Rudi Wagner erst ein Jahr später. „Da sind wir wieder!“

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